Dieses Wochenende ist es so weit: Aus dem ZDFtheaterkanal wird ZDFkultur. Musik wird bei dem neuen digitalen TV-Sender eine Hauptrolle spielen, wobei ein breites Spektrum an Genres abgedeckt werden soll.
Ein öffentlich-rechtlicher Kulturkanal nimmt am Samstagmorgen um 6:30 Uhr seinen Sendebetrieb auf. Das mag zunächst nicht nach einer geeigneten Maßnahme klingen, mit dem das ZDF junge Fernsehzuschauer für die eigene Senderfamilie gewinnen könnte.
Was ist unter Kultur zu verstehen?
Tatsächlich möchte man mit dem neuen TV-Sender ein (noch) jüngeres Publikum als mit dem aus ZDFdoku im Jahr 2009 hervorgegangenen ZDFneo ansprechen. Der Kulturbegriff soll extrem weit ausgelegt werden. Die tragenden Programmsäulen von ZDFkultur sollen “Popkultur und alle Formen des Spiels – vom Theaterspiel bis zur Netz- und Computerspielkultur” sein. Popkultur soll eine wesentliche Rolle im Programm spielen, wobei die Betonung offenbar auf dem zweiten Teil des Wortes liegt.
Nicht Rock und Pop aus den Mainstream-Charts, sondern besonders Musikrichtungen wie Jazz, Electronic Music, Heavy Metal, Hip-Hop sowie Indie-Rock und -Pop möchte man hier berücksichtigen. Obwohl es rein am Umfang gemessen keinen Mangel an Musik im deutschen Fernsehen gibt, bleibt angesichts der Vielfalt von Musik auf jeden Fall noch Platz für ein Programm, das mehr auf die Nischen als auf den Massengeschmack zielt.
Neues Verständnis von Kultur
Inwieweit man tatsächlich die Zielgruppe der 20- bis 40-Jährigen erreichen wird, bleibt abzuwarten. Unter dem Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer, das inzwischen bei 61 Jahren liegt, wird man allein schon aufgrund der der rein digitalen Ausstrahlung des Programms bleiben. Sätze wie “ZDFkultur betrachtet Kultur weniger feuilletonistisch und möchte sie auf spielerische Weise lieber selbst inszenieren”, wie sie in einer Pressemitteilung des ZDF zu finden sind, richten sich dort zwar an Medienschaffende und sind nicht für die Zielgruppe formuliert. Dennoch wecken sie bei mir gewisse Zweifel.
Dabei möchte man subjektiv und bewusst polarisierend vorgehen. Die Online-Präsenz des neuen Fernsehsenders soll neben vielen Bewegtbildinhalten (vulgo: Videos) stark auf den Austausch mit Zuschauern und Usern setzen. “Im Zeitalter der Netzkultur liegen die neuen Formen und Entdeckungen nicht mehr in den Händen einer kleinen Avantgarde, sondern in den Händen aller”, sagt Dr. Gottfried Langenstein, als Direktor Europäische Satellitenprogramme ZDF für den neuen Digitalsender verantwortlich. Und weiter: “Was gut, spannend, neu ist, kann in einer Sekunde überall auf der Welt gezeigt werden und Erfolg haben, Sehweisen verändern. ZDFkultur will seine Zuschauer, insbesondere junge und jung gebliebene, bei ihrer alltäglichen Kulturerfahrung abholen – und die macht keinen Unterschied zwischen ‘U’ und ‘E’: Kultur aus der Perspektive des Akteurs.”
Ausgerechnet ein Rihanna-Konzert am ersten Abend
Hochkultur und Popkultur sollen auf ZDFkultur zusammenfinden. Daher wird das Thema Theater nach dem Relaunch auch nicht aus dem Programm gestrichen. Zur Prime-Time setzt man am ersten Sendetag indes auf Mainstream, was dann doch ein wenig irritiert: Um 20:15 Uhr zeigt ZDFkultur am Samstag einen Konzertmitschnitt von Rihanna, einen Auftritt in der Manchester News Arena in Großbritannien im Rahmen ihrer “Good Girl Gone Bad”-Tour von 2007.
Zum Sendestart um 6:30 Uhr geht es weniger angepasst zu, denn dafür hat man sich das Musikvideo zum neuen Beastie Boys Song “Make Some Noise” aus dem am 29. April veröffentlichten Longplayer “The Hot Sauce Committee Part 2″ ausgesucht. Einige weitere Konzert-Mitschnitte stehen für den ersten Sendetag auf dem Programm. Ein kurzes, aber dennoch zentrales Programmelement ist das Format “DER MARKER”, zu dem sogar ein eigenes Blog eingerichtet wurde.
Über das Abendprogramm des ersten Sendetages schreibt die ZDF-Pressestelle:
>>ZDFkultur startet am Samstag, 7. Mai 2011, von 6.30 Uhr an mit Popkonzerten in den Tag. Am Abend um 20.00 Uhr ist erstmals “DER MARKER” zu sehen, der als das tägliche mehrmediale Popkultur-Format das Gesicht von ZDFkultur prägt. Die vier Sendermoderatoren Rainer Maria Jilg, Lukas Koch, Jo Schück und Nina Sonnenberg geben ihren Einstand. Um 21.00 Uhr holt “Berlin Live” die internationale Konzertkultur der Hauptstadt ins Fernsehen: Drei Bands kommen im Berliner Club Tresor zusammen und spielen abwechselnd. In der ersten Ausgabe von “Berlin Live” sind dabei: die schwedischen Rock-Formationen Mando Diao und Johnossi sowie die Berliner Avantgardepunker Bonaparte. Und um 22.35 Uhr folgt in Erstausstrahlung der Dokumentarfilm “Heavy Metal in Baghdad”. Der Film begleitet die irakische Heavy Metal-Band Acrassicauda vom Sturz Saddam Husseins bis zu ihrer Flucht aus dem Irak und wirft einen ungewöhnlichen Blick in den Alltag der vier jungen Musiker.<<
Wie kann man ZDFkultur empfangen?
Wer bislang schon den ZDFtheaterkanal empfangen konnte, empfängt künftig auch ZDFkultur. Über Satellit, Kabel und IPTV ist der neue digitale TV-Sender unverschlüsselt zu empfangen. Über DVB-T wird das Programm nicht ausgestrahlt. Die Web-Adresse des neuen digitalen Fernsehsenders lautet kultur.zdf.de.





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