Gigantisch authentisch: Udo Lindenberg greift nach den Sternen

Kleiner ging nicht: Zur Pressekonferenz der zweiten Tournee-Halbzeit im nächsten Jahr lud Udo ein in die Stadien. Pressekonferenzen sind in der Regel langweilig: auf dem Podium wird heruntergebetet, was in der Presseinformation steht, die dem Journalisten meist vorher zugestellt wurde. Interessantes gibt es oft hinterher, im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Ein Medienprofi wie Lindenberg weiß, dass er auftischen muss, um seine Fanboys in den Redaktionen zu unterhalten.

Hut, Charme und Zigarre

Er ist kleiner als ich dachte, viel kleiner. Spindeldürr steht er da in seiner engen Hose, die von Hipstern getragen wird, die Udos Enkel sein könnten. Udo Lindenberg in echt – das ist wie ein Abziehbild der Lindenberg-Figur, die man im Kopf hat. Also mit Schirm, Charme und Melone; in diesem Fall Hut, Charme und Zigarre. Lindenberg weiß, dass alle auf ihn starren. Deshalb spielt er sich selbst und ist dabei völlig authentisch. Zunächst nimmt der Rockstar dort Platz, wo eigentlich die Journaille zu sitzen hat. Es ist kurz nach 16 Uhr, der ältere Rockstar ist wohl eben aufgestanden, als er der ehrfürchtigen Einführung einer Radiofrau lauscht. Diese ist sichtlich stolz darauf, dass ausgerechnet ihre reichweitenstarke Sendeanstalt die Konzertpräsentation an Land gezogen hat. Fotografen richten die Objektive ihrer Sechseinhalbtausend-Euro-Kameras aus, die Alles-Selbst-Machen-Müsser der Onlinemedien rücken mit ihren Handys dem sitzenden Lindenberg auf die Pelle, der nicht einmal zuckt, als es stroboskopartig blitzt. Keine Gefahr für sein Weißbierglas auf dem Fußboden, dessen Pegelstand nur wenig sinkt.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Intimität und Nähe

Lindenberg ist hellwach, als ein Video mit Impressionen der Stadionkonzerte aus dem laufenden Jahr startet. Er ist gespannt wie ein Flitzebogen, doch bei den ersten Takten der Songs, die ihn seit vielen Jahren begleiten, wippen sofort beide Füße – den bei DJs auftretenden „I will survive“-Effekt gibt es bei ihm nicht. Dann geht er nach vorn und redet glasklar, obwohl er mit dem typischen Nuscheln kokettiert.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Mit dem Alkohol sei es wie mit der Mengenlehre – früher habe er mehr getrunken, sagt er, während die Schreiber mit Eierlikör versorgt werden. Er wolle 2015 die vielleicht größte Revue der Welt in die deutschen Stadien bringen, wichtig sei ihm die Intimität mit und die Nähe zu den Fans. Die Technik sei aber soweit, dass auch im Stadion nichts verloren gehe.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Dann gibt es Fakten, Fakten, Fakten: 200 Lautsprecher, eine LED-Wand (Umfang: 600 Quadratmeter), rund 400 Mitarbeiter und Künstler, Beteiligte also aus dem engen und erweiterten Panikfamilienkreis – kurz: das Team Lindenberg will, dass Sound und Optik stimmen. Die Leute sollen einen Gegenwert fürs Eintrittsgeld bekommen und keine Pleite wie 2011 beim Prince-Konzert in Köln erleben müssen.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Anruf bei Alla

Bei der Fragerunde sind die Journalisten erstaunlich zurückhaltend. Einer fragt, ob Udo beim Einfliegen ins Stadion in großer Höhe Angst empfunden habe. Nein, die habe er nicht gehabt, sagt er. Lindenberg kennt den Absturz nicht, aber er weiß um die Vergänglichkeit des Ruhms. Es gab eine Zeit in den Nullerjahren, da redete niemand mehr von ihm. Lindenberg reif fürs Museum? Doch er überraschte mit einem Comeback, das keines war, weil er nie wirklich weg war. Der Musiker umgab sich mit jungen Leuten wie Clueso; diese taten ihm gut, seine Platten erreichten starke Verkaufszahlen. In die Hall Of Fame ließ er sich noch nicht mit einem One-Way-Ticket einliefern.

Ich frage ihn, was er denkt, wenn er die Schlagzeilen zu Themen wie Ukraine und ISIS aufnimmt. Lindenberg kommt direkt auf mich zu. Ohne lange zu überlegen, antwortet er ebenso direkt. Die NATO hätte Putin nicht so auf die Pelle rücken dürfen, da seien auch Vereinbarungen nicht eingehalten worden. Die Frage nach einem „Sonderzug nach Moskau“ muss ich gar nicht stellen. Er habe bereits (mit seiner früheren Duett-Partnerin, d. A.) Alla Pugatschowa Kontakt aufgenommen in dieser schwierigen Zeit. Lindenberg warb dabei um Verständnis auf allen Seiten. Er regte einen intensiveren Kulturaustausch mit Russland an. Aber, so der Rocker, den gebe es ja nicht einmal mit dem direkten Nachbarn Frankreich.

Mini-Show mit Panik-Kinderchor

Weil die Kollegen ihre Fragearme unten lassen, kann ich den Musiker noch bitten zu schildern, was er empfunden hätte, wenn die Bundesregierung nicht die Stadionhymne der Toten Hosen („An Tagen wie diesen“), sondern einen seiner Songs gesungen hätte. „Andrea Doria“, ergänzt ein Kollege, der Musikredakteur sein muss. Da hält der gewiefte Medienprofi kurz inne, der Moment seines Überlegens erscheint mir länger als er in Wirklichkeit war. „Ich hätte gelacht und mich darüber amüsiert“, sagt er. Udo Lindenberg sagt was er denkt und ist zugleich diplomatisch.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Der gestandene Rocker gibt ein Mini-Konzert für die anwesende Presse, holt seinen Saxofonisten und einen Chor aus Panik-Kids auf die improvisierte Bühne. Zudem malt er ein Bild mit Eierlikör.

Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs
Foto: Torsten-Williamson-Fuchs

Natürlich macht er das, weil es schöne Fernsehbilder gibt. Aber er hätte es nicht nötig und macht es trotzdem. Ich war schon auf vielen Presseterminen mit bekannten Musikern, wenige blieben detailliert im Gedächtnis (wie eine PK mit James Brown in Dresden, die zur LP-Signierstunde wurde). Udos intimes Konzert wird sich neben Mr. Dynamits Besuch in Sachsen eingruppieren. Die Legende macht ihr Ding, im Kleinen wie im Großen. Wie Gigantomanie und Intimität ineinander gefügt werden, demonstriert die Panikfamilie in drei deutschen Stadien im Juli kommenden Jahres.

 

Torsten Williamson-Fuchs
Über Torsten Williamson-Fuchs 5 Artikel
Ich bin Journalist und schreibe über wichtige Themen aus Musik, Medien, Politik, Sport und Wirtschaft.
Kontakt: Webseite

2 Kommentare zu Gigantisch authentisch: Udo Lindenberg greift nach den Sternen

  1. Hallo Udo ich heiße lutz und bin seid 1973 Panik Fan alles klar auf der Andrea Doria mach weiter so möchte dich noch mal sehen geht leider nicht sitze seid 6 Jahren im Rohlstuhl aber nichts für ungut machs gut mein freund und viel Erfolg für deine tour2015 keine Panik auf der Titanic glg Big Show

  2. Lutz, eines der Konzerte zu besuchen sollte kein Problem sein. Es gibt garantiert einen Zugang, der behindertengerecht (ich mag dieses Wort nicht…) ist, so dass Du auch mit dem Rolli alles siehst. Mein Tipp: frage den Musiker über Facebook, ich bin mir sicher, dass Dir die Panik-Familie antworten wird. Dann ist hoffentlich alles klar – nicht nur auf der …

3 Trackbacks & Pingbacks

  1. Udo Lindenberg wirbt für seinen Stadiontour 2015 | Torsten Fuchs
  2. Ice Ice Baby: Otto Waalkes auf CD mit seinen Freunden aus “Ice Age” | Torsten Williamson-Fuchs
  3. Ansehen: Udo Lindenberg Doku | TV und Livestream | TV-Tipp | Bandscomeback

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website benutzt Cookies. Wenn Du die Website weiter nutzt, stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Bitte beachte unsere Informationen zum Datenschutz! Link zum Datenschutzhinweis

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen